AAL - steht für: Active Assisted Living

Und auch für Active Ageing

 

Dieses Foto entstand im September 2014 in Bukarest. 2014 begann ich, mich mit AAL zu beschäftigen. Mein neuer Job in München bei einer kleinen aber feinen Unternehmensberatung war die Ursache. Dort wiederum war ich gelandet, weil ich erstens sehr viel Know-How in Versicherungsdingen aufgebaut hatte, aber ich hatte mich auch schon sehr früh mit dem Internet der Dinge befasst. Das Unternehmen war auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern - in der Verbindung von Versicherungsunternehmen und neuen Technologien. EHealth, Mobilität der Zukunft, Smart Home und AAL drängen sich da quasi auf. Ich bekam AAL.

 

AAL war für mich neu. Aber als Ü50 und ältester Berater des Unternehmens war es fast eine natürliche Auslese. Also begann ich mit Recherche. Und der AAL-Kongress in Bukarest kam da gerade recht. Er fand wesentlich im alten Palast von Nicolae Ceausescu statt. Beeindruckend und bedrückend zugleich.

 

AAL hieß zunächst Ambient Assisted Living, was kaum jemand in der Zielgruppe (und vermutlich auch sonst) vernünftig einordnen konnte. Viel positiver klingt Active Assisted Living, womit man auch dem Begriff Active Ageing näher kommt. AAL umfasst Methoden, Konzepte, Technologien, (digitale) Systeme, Komponenten von eHealth, Internet der Dinge generell, Smart Home, sowie Dienstleistungen unterschiedlicher Art, die das alltägliche Leben älterer und behinderter Menschen situationsabhängig und möglichst unaufdringlich unterstützen. Mittlerweile geht man davon aus, dass die primäre Zielgruppe bei etwa 55+ liegt, sodass der Einstieg durchaus bei Komfort und Sicherheit beginnt.

Die sekundären Zielgruppen sind im wesentlichen die Angehörigen Pflegebedürftiger und Institutionen und Personal von Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen.

 

 

Die Ausstellung in Bukarest war sehr vielfältig. Unter anderem wurde ein Rollator ausgestellt, der zuvor einen Innovationspreis gewonnen hatte. Anwender hatte man sicher nicht gefragt, ob dieses Ding geländegängig sein sollte, oder einen Elektroantrieb und eine Tablethalterung braucht. Und so war dies auch der erste AAL-Kongress, bei dem die AAL-Community erstmals fragte: was will eigentlich der Kunde? Was zu einem Workshop führte und kaum war ich in der AAL-Community überhaupt angekommen, durfte ich mit Design Thinking gleich mal "vorturnen".

In der Folge besuchte ich weitere Kongresse und in Ghent konnte ich mit einer Kollegin gemeinsam einen Halbtagsworkshop zu Business Design machen, die AAL-Kolleg'Innen waren begeistert, was aber leider nichts daran änderte, dass nach wie vor kein besonderes Augenmerk auf Customer Centricity gelegt wurde. In St. Gallen schließlich, im nächsten großen Kongress der AAL-Community, gab es wieder einen Workshop. Interessant: Ein Projekt zur Sturzerkennung war gescheitert, man wollte wissen, warum. Customer Centricity? Durchaus - weil man sie außer acht gelassen hatte. Die primäre Zielgruppe - siehe oben - mag sich nun mal nicht den ganzen Tag mit Kameras überwachen lassen. Das erfüllt zwar den Zweck, ist aber unethisch und zerstört die Privatsphäre - fallabschließend.

 

Eine wesentliche Erkenntnis war nach reichlich Recherche: Da gibt es tolle Ideen, sehr viele schlaue Köpfe, prima Projektergebnisse, interdisziplinäre Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg, leider aber häufig nicht perfekt im Einklang von Kundenzentrierung/Kundenwunsch - technischer Machbarkeit - betriebswirtschaftlicher Machbarkeit/Geschäftsmodell. Das muss sich ändern. Die Gesellschaft altert, es gibt bei weitem nicht genug Fachkräfte in der Pflege, aber immer mehr Pflegebedürftige und wir werden ohne AAL-Lösungen kaum eine gute Versorgung sicherstellen und dem Bedarf der Menschen gerecht werden können.

 

Inzwischen haben wir an der DHBW in Heidenheim 2020 das erste Integrationsseminar durchgeführt, das sich mit AAL befasste, interdisziplinär und mit sehr guten Ergebnissen. Daraus entsteht gerade ein neues Buch, zu dem ich beitragen durfte. Und seit Januar 2021 läuft das zweite Integrationsseminar zum Thema AAL, diesmal mit dem Schwerpunkt Demenz. Diesen Schwerpunkt hatte ich mir gewünscht.

 

Die DHBW Heidenheim ist inzwischen sehr aktiv rund um AAL. Dazu gibt es inzwischen reichlich Pläne, über die es zum Beispiel hier mehr zu erfahren gibt.

 

Meine Aufgabe sehe ich beispielsweise darin, Projekte rund um Fragen der Ethik zu begleiten, aber auch in der Unterstützung der kundenzentrierten Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen mithilfe einer Methode, die ich auch in Vorlesungen - Innovation, Digitalisierung, aber auch in BWL - einsetze: Business Design. Damit bleibt Customer Centricity kein bloßes Buzzword, sondern es kommt zu einem klaren Fokus auf die Sichtweise der Zielgruppen. Ideen bekommen den gesamtheitlichen Rahmen, den sie zum Erfolg benötigen. Technische Machbarkeit, Kundensicht und betriebswirtschaftliche Fragestellungen erhalten die erforderliche Schnittmenge.